Lonsdale: NSDA unter offener Jacke

Ein Gerücht: Irgendwann hieß es, die Nazis seien auf Lonsdale gekommen, weil sie mit den zufällig im Markennamen enthaltenen Buchstaben »NSDA« auf die »NSDAP« anspielen wollten.

Ivan Khutorskoy

Ivan Khutorskoy: Skinhead aus Moskau, aber alles andere als ein Nazi. Das Bild zeigt ihn bei einer antifaschistischen Veranstaltung. Er wurde 2009 mutmaßlich von russischen Rechtsextremisten getötet.

Bad Years: Plötzlich gab es Nazis mit Lonsdale

Die 1980er Jahre waren in England eine schwierige Zeit der wirtschaftlichen Krise und des Strukturwandels. Die sozialen Spannungen in England nahmen zu. Vor allem die sogenannten einfachen Leute spürten den Druck.

Die Angst der Menschen vor wirtschaftlicher Not bot rechtsextremistischen Bewegungen ein passendes Agitationsfeld. Als Teil der unter Druck stehenden Arbeiterklasse zeigten sich auch einige der damaligen Skinheads für rechte Parolen durchaus empfänglich.

Absurd: Skinheads, die Nazis sind

Damit entstand etwas ganz Neues, von dem viele sagen, dass es ein Widerspruch in sich ist: Plötzlich gab es Skinheads, die Nazis waren. Skinheads, die ihren Ursprung vergaßen und plötzlich zu gewalttätigen Rassisten wurden.

Die Naziskins entwickelten langfristig eine eigene Subkultur: Statt Ska, Soul und Reggae irgendwann Rechtsrock und Nazimetal. Mit ihrem Hass und ihrer Brutalität standen die Naziskins bald im Brennpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Es kam, was kommen musste: Skinheads wurden mit Nazis gleichgesetzt. Die Massenmedien hatten ihren Anteil an dieser Vereinfachung. Der Ursprung der Skinheads geriet ebenso in Vergessenheit wie der Umstand, dass es immer auch antirassistische Skinheads gegeben hatte.

Was in England begonnen hatte, erreichte in den 1990er Jahren schließlich auch mit aller Wucht Deutschland. Auch hier begünstigten die Umstände diese Entwicklung: Die Wiedervereinigung empfanden viele Betroffene als Entwertung und Abwicklung der DDR. Mit der Folge eines Gefühls von Heimatlosigkeit und Verunsicherung. Zudem setzte in ganz Deutschland ein Strukturwandel ein, von hoher Arbeitslosigkeit und Privatisierungen begleitet. Ein Nährboden, auf dem auch hier die Empfänglichkeit für rechte Agitation groß war.

Die Skinheadkultur in schwierigen Zeiten

Eine schwierige Zeit für die traditionellen Skinheads, die mit dem Nazikram nichts zu tun haben wollten, ja, sich oft ganz aktiv gegen Nazis stellten. Eine schwierige Zeit auch für all die Marken, die zur alten Skinheadkultur gehören. Denn leider trugen die Naziskins sie auch.

Zu allem Überdruss kam dann noch ein Gerücht auf: Nazis seien auf Lonsdale gekommen, weil sie mit den zufällig im traditionellen Markennamen enthaltenen Buchstaben »NSDA« an die »NSDAP« erinnern wollten. Das ist aber nicht plausibel, denn die Nazi-Skinheads haben schließlich auch die anderen traditionellen Skinheadmarken getragen, in die man aber keine Zahlen- oder Buchstabencodes hineinfantasieren konnte.

Bei Lonsdale kam hinzu, dass es zur Tradition der Marke gehört, das bekannte Logo groß auf T-Shirts und Jacken zu drucken. So häuften sich vor allem in Deutschland die Fotos, auf denen Nazis deutlich sichtbar mit Lonsdale zu sehen waren. Andere Marken, die auch betroffen waren, konnte man hingegen nicht so deutlich erkennen.

In vielen anderen Ländern war Lonsdale von diesem Missbrauch weit weniger betroffen. Oder Lonsdale war dort als Sportmarke schon so bekannt, dass man dort gar nicht auf die Idee kam, die Marke mit Nazis in Verbindung zu bringen.